| Vortragende: | Dr. Julia Bloemer |
| Institution: | Europa-Universität Flensburg, Institut für Physik und ihre Didaktik und Geschichte |
| Ort: | Kiel Universität |
| Datum: | 15. September 2026 |
| Zeit: | 11:30 ‑ 12:30 Uhr |
| Plätze: | noch 20 Plätze frei |
| Beitrags-Nr. | VP 01 |
Die Experimente mit dem Öltröpfchenapparat sind in der Schulphysik als Beispiel für die Bestimmung der Elementarladung etabliert. Sie werden oft als „Millikan-Experiment“ vereinfacht und in Lehrbüchern und Unterrichtsgeräten als eindeutiger, isolierter Versuch präsentiert. Doch die historische Situation war viel komplexer. Während Robert A. Millikan und sein Doktorand Harvey Fletcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Elementarladung bestimmten, nutzten sie dieselben Geräte gleichzeitig auch zur Erforschung der Brownschen Bewegung und zur Bestimmung der Avogadro-Konstante. Die Brownsche Bewegung, sichtbar als zufällige, thermisch bedingte Zitterbewegung kleiner Teilchen, wurde im Forschungszweig zur Bestimmung des Wertes der Elementarladung als Störfaktor betrachtet, während sie gleichzeitig zum eigentlichen Messobjekt in einem sich bildenden anderen Forschungszweig wurde.
Der Vortrag beleuchtet diese doppelte Nutzung des Öltröpfchenapparats in der historischen Situation zwischen 1909 und 1916 und bietet anschließend konkrete Anregungen, wie diese Perspektive in den Physik-Unterricht integriert werden kann. Hierbei werde ich sowohl auf Erfahrungen mit einem quellengetreuen Nachbau der von Millikan und Fletcher verwendeten Apparatur zurückgreifen wie auch Messungen an typischen aktuellen Lehrgeräten vorstellen. Anstatt die Auffassung von perfekt kontrollierten, isolierten Experimenten zu bekräftigen, regen solche historischen Beispiele dazu an, die Natur des Experimentierens explizit zu thematisieren. Sie zeigen, dass sich natürliche Prozesse überlagern und dass man sich beim Experimentieren stets mit mehreren Phänomenen gleichzeitig auseinandersetzen muss. Die Studien zu Fletcher und Brownscher Bewegung können auch dazu genutzt werden, Messvorgänge und Messunsicherheit zu diskutieren. Damit bieten sich viele Gelegenheiten, ein angemesseneres Bild davon zu vermitteln, wie physikalisches Wissen entwickelt wird.